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Kolportage
Komödie in einem Vorspiel und drei Akten
nach Georg Kaiser
Plakat Fotos
Besetzung
Graf James Stjernenhö Rainer Hawlicek
Karin, geschiedene Gräfin Stjernenhö Martina Lebersorger
Erik, beider Sohn Peter Taraba
Erbgräfin Stjernenhö Edeltraud Wiesinger
Miss Grove, ihre Bibelvorleserin Edith Linhart
Baron Barenkrona Hannes Stephan
Alice, seine Tochter Verena Grossmayer
Knut Bratt, Karins Onkel Godehard Schwarz
Frau Appeblom Isabel Philipp
Acke, ihr Sohn Christian Dohlhofer
Lindström Gerhart Ernstbrunner
Johannsson, Pförtner Franz Gotsmy / Hans Leidenmühler
Lakai Hans Leidenmühler / Franz Gotsmy
Regie und Inszenierung Susanne Grossmayer
Bühnenbilder Godehard Schwarz
Beleuchtung und Technik Gregor Zatschkowitsch
Kostüme Fundus der Bundestheater

Ort und Zeit des Vorspiels: ein Palais in Stockholm, Jahrhundertwende
Ort und Zeit des 1., 2., 3. Aktes: Schloss Stjernenhö, 20 Jahre später


Georg Kaiser
geboren 25. November 1878in Magdeburg - gestorben 4. Juni 1945 in Ascona
Kaiser wurde als Sohn eines Kaufmanns geboren, wuchs mit fünf Brüdern auf, wurde selbst Kaufmann und ging 1898 nach Südamerika, von wo er drei Jahre später malariakrank in seine Heimat zurückkehrte. Der Schriftstellerei widmete er sich schon von Jugend auf.

In den zwanziger Jahren feierte ihn die Kritik als bedeutendsten Dramatiker seit Gerhard Hauptmann. In keinem anderen Autor hat sich der dramatische Expressionismus reiner verkörpert als in ihm. Als "Denkspieler" bezeichnet, konstruierte er seine Stücke mit mathematischer Präzision Zug um Zug wie eine Schachpartie, immer mit dem gleichen Ziel vor Augen: den Menschen zu erneuern und zu vervollkommnen.

Vom Nationalsozialismus 1933 verboten, emigrierte er 1938 nach Holland, dann in die Schweiz, wo er besonders produktiv arbeitete. Sein Werk umfasst über 70 Dramen, dazu Romane, Erzählungen und Gedichte.

Unter den zahlreichen Stücken Georg Kaisers, die schwierige Probleme behandeln, stellt seine Komödie "Kolportage" einen Sonderfall dar: nach außen hin ein Unterhaltungsstück - nämlich die Parodie auf die Pseudoromantik eines Trivialromans a 1a Courths-Mahler – ist dennoch sein Ziel unübersehbar: die Vision einer besseren Menschheit und die Aussöhnung der verschiedenen sozialen Schichten.

Geschrieben "zur Förderung der Kinderfürsorge und des zeitgenössischen Theaters" wurde die "Kolportage" am 27. März 1924im Berliner Lessing-Theater uraufgeführt.

Kolportage - minderwertige Schrift:
Kolportageroman im weiteren Sinn ein "Hintertreppenroman" ohne literarischen Wert.

Symbol und Persiflage des Lebens
Ein kurzes Vorspiel stellt die "Intrige" des Stückes vor: Karin Bratt, soeben geschiedene Gräfin Stjernenhö, einzige Tochter des steinreichen Holzhändlers Lars Bratt, berichtet ihrem aus Amerika herbeigeeilten Onkel Knut Bratt die Geschichte ihrer kurzen Ehe: "Es hört sich an I wie ein Hintertreppenroman von dem Grafen und dem Bürgerfräulein - und die leibhaftige Hauptfigur bin ich. . ." Der früh verwitwete Bratt hat seiner Tochter einen beträchtlich verschuldeten adeligen Ehemann, Graf James Stjernenhö, zu verschaffen gewusst, um das "Märchen", in dem sie dahinlebte, vollkommen zu machen.

Nach dem Tode Bratts und der Scheidung von seiner Frau versucht der Graf mit allen Mitteln, sich seines Sohnes Erik zu bemächtigen, weil dieser an seinem 21. Geburtstag Alleinerbe des großväterlichen Vermögens werden soll. Selbst ein Gerichtsurteil, das den kleinen Erik seiner Mutter zuspricht, kann Stjernenhö nicht davon abhalten, das Kind aus dem Haus Karins entführen zu lassen. Karin tauscht jedoch, diese Entwicklung vorausahnend, das in seinem Wagen schlafende Kind gegen ein anderes aus, das ihr von einer zufällig vorbeiziehenden Bettlerin überlassen wurde, und flieht mit dem echten Grafensohn unter der Obhut ihres Onkels nach Amerika.

Die folgenden drei Akte überbrücken ein zeitliche Distanz von 20 Jahren: Graf Stjernenhö hat den vermeintlichen Erik - mit Hilfe von weit reichenden Anleihen auf das mit Sicherheit zu erwartende Erbe - zu einem vollendeten Kavalier erziehen lassen, der es sogar versteht, sich das Wohlwollen seiner über die "Mesalliance" verärgerten Tante, der Erbgräfin Stjernenhö, zu erringen und darüber hinaus berechtigte Hoffnung hegt, durch seine bevorstehende Verbindung mit Baronesse Alice Barrenkrona, Angehörige eines der reichsten und angesehensten schwedischen Adelsgeschlechter, die feudale Tradition seines Hauses standesgemäß zu wahren.

Die unerwartete Ankunft Karins und des echten Erik, eines lockeren, unverkennbar vom amerikanischen Lebensstil geprägten jungen Mannes mit gesundem Menschenverstand, und Karins Enthüllung ihres Täuschungsmanövers lassen jedoch alle hochfliegenden Erwartungen des Stjernenhö-Clans zerstieben: "Sie raubten zuerst - mit Misslingen, ich tauschte darauf - mit Gelingen. . . Kolportage, James, aber so ist das Leben!"

Der gräfliche Zögling, der seine Erbtante noch kurz zuvor mit dem Entwurf einer aristokratischen Ständetheorie entzückte, wird überdies von seiner plötzlich auftauchenden Mutter, die sich mit Hilfe der von Karin ausgesetzten Rente bürgerlich etabliert hat, als ihr Kind identifiziert - der falsche Erik ist in Wirklichkeit ein Proletariersohn namens Acke. Als jedoch seine Verlobte Alice Barrenkrona trotz dieser "Erniedrigung" auch um den Preis der Enterbung und Ausstoßung aus dem Familienverband an ihm festhält, verzichtet Erik Bratt auf sein - allerdings bereits liquidiertes - Erbe zugunsten Ackes, der sich mit Alice der nach Amerika zurückkehrenden Karin und Erik anschließt.

Die summarische Lebensweisheit der Bettlerin - "Füttert die Kreatur und hätschelt sie ein bisschen, da habt ihr das Rezept fürs Paradies!" - findet schließlich ihren Widerhall im nachdenklichen Schlusswort der alten Erbgräfin: "Merkwürdig, dass uns den Katechismus der Adelsgeschlechter dieser Acke geschrieben hat. Es muss doch in jedem Proletarier ein Stück von einem Grafen - und in jedem Grafen ein Stück von einem Proletarier stecken. "

Zwei Schichten sind in diesem Spiel miteinander verwachsen: die Komödie und die Parodie, die beide für ihren Spaß die Mitwisserschaft des Publikums und festgelegte Charaktere, am sichersten "Typen", brauchen: Versponnen ins eigene Pathos, in die eigene Rührseligkeit oder in die Überlegenheit der Prärieluft. Gespreizte Süße und burschikoser Amerikanismus fehlen ebenso wenig wie joviale Onkel – Güte und proletarischer Jargon. Ob selbstsicher oder selbstbezogen – letztlich verrät jeder seine Seele, die kleine und die etwas größere. Durch verschiedene Masken schielt nicht nur der gemeine Egoist von einem Grafen, sondern auch die schelmische Bettlerin und das gute Herz der Mütter. So verschieden die sozialen und ethischen Schichten auch sein mögen, in der rührenden, weil nachgiebigen Mütterlichkeit finden sich ihre drei Vertreterinnen.

Die Kolportage des "Raubgrafen" führt zur Über-Kolportage seiner Frau, das Zusammenspiel von Gut und Böse versöhnt durch Ausgleich. Drei soziale Schichten - Adel, Bürgertum, Proletarier - rücken sich gegenseitig humorvoll zurecht, um mit dem Sieg der Jugend zu enden, die sich entfaltet, wo immer sie. Raum zur Tüchtigkeit findet. Zuletzt triumphiert also doch immer wieder die Natur des Menschen, kraft jener Liebe, die "keinen Kurs hat". Durch die Maske der Kolportage plaudern Wahrheit und Wesen des Lebens.

(c) 2013